Esoterik
Mystisch oder spirituell, mit langem Bart oder geschmückt mit okkulten Zeichen – die Esoterik erscheint in vielen Gewändern. Die Wissenschaft fasst diese Erscheinungen zu zwei Grundbedeutungen zusammen: Esoterik ist ein Sammelbegriff für okkulte Praktiken oder für Wege zu einer besonderen spirituellen Erfahrungen.
Die etymologischen Anfänge der Esoterik sind hingegen profan. Zu Grunde liegt ihr das altgriechische Adjektiv ‚esoterikós’. Es setzt sich zusammen aus dem altgriechischen Adverb ‚eiso’ oder ‚éso’, das man mit „hinein, nach innen“ übersetzt; aus dem Steigerungszeichen ‚-ter‘ und aus dem Suffix ‚-ikos‘, der das Wort zu einem Adjektiv formt. Wörtlich übersetzt heißt ‚esoterikós’ demnach das „tiefer nach innen Gehörende“.
Die alten Griechen kannten zunächst jedoch nur das Antonym zu ‚esoterikós’ – ‚exoterikós’. Aristoteles bezeichnet so die äußeren Gliedmaßen, die Hände und Füße, und die äußeren Güter wie Geld und Besitz. Im 3. nachchristlichen Jahrhundert tauchte dann erstmals das Adjektiv ‚esoterikós’ auf. Damit trennte man die leichter verständlichen Schriften des Aristoteles – schon von den frühen Peripatetikern exoterisch genannt – von den schwer zugänglichen, schwer verständlichen Schriften. Bald danach verwendeten griechische Historiker das Gegensatzpaar, um die Schüler des Pythagoras in einen exoterischen und einen esoterischen Zirkel zu scheiden; der erste Schatten des Geheimnisvollen.
Das klingt exotisch, sagen Sie? Wie kam die Esoterik denn zu ihrer heutigen Bedeutung? Wenig verwunderlich auf undurchsichtigen, verschlungenen Wegen. Der Doppelsinn des Wortes Esoterik bildete sich im Laufe der Renaissance und des Barocks heraus, in Abgrenzung zu den exakten Wissenschaften. Später, im 19. Jahrhundert, prägten besonders die Schriften des Franzosen E. Lévi die okkulte Konnotation der Esoterik; die spirituelle Bedeutung wurde stark durch die Theosophische Gesellschaft, die Anthroposophische Gesellschaft von R. Steiner und die Lehren von C.G. Jung beeinflusst.
Ob sich durch den flüchtigen Einblick in die etymologischen Geheimnisse der Esoterik die dunklen und mysteriösen Schleier gelüftet haben – das müssen die Eingeweihten entscheiden.